Aktuelles

Gleiche Startchancen schaffen!

Bildungsbenachteiligte und Kompetensationsmöglichkeiten in Kindergärten. Eine repräsentative Erhebung in Sachsen

Laufzeit: 2008 - 2011


Fragestellung

Die Untersuchung richtete sich auf folgende Untersuchungskomplexe:

a) die quantitative und qualitative Dimension des Problems bildungsbenachteiligter Kinder in Sachsen und folglich den Bedarf und die Anforderung an kompensatorische Erziehung in sächsischen Kindertageseinrichtungen,

b) das Verständnis und die Wahrnehmung von Bildungsbenachteiligung durch das pädagogische Fachpersonal und

c) die in sächsischen Kindertageseinrichtungen bereits realisierten und konzeptionell verankerten diesbezüglichen Maßnahmen sowie

d) den Bedarf an diesbezüglicher Fort- und Weiterbildung des pädagogischen Fachpersonals.

Methoden

Explorative Experteninterviews, problemzentrierte Gruppeninterviews mit ErzieherInnen, repräsentative Befragung von 1600 Fachkräften aus sächsischen Kitas und quantitative Auswertung

Inhalte

Ergebnisse der jüngsten IGLU und PISA-Studien belegen, dass der Bildungserfolg eines Kindes in Deutschland sehr stark von seiner sozialen Herkunft abhängt. Von einer Chancengerechtigkeit in Bezug auf Bildung kann nicht die Rede sein. Kinder aus sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen, Kinder aus bildungsfernen Familien und Kinder mit einem Migrationshintergrund haben eine geringere Chance auf eine gute schulische Entwicklung als andere Kinder.

Bereits vor dem Schulalter machen Kinder bedeutsame Bildungserfahrungen, die einen Grundstein für den weiteren Werdegang legen. Über 91 Prozent der Kinder zwischen drei Jahren bis zum Schuleintritt besuchen in Deutschland eine Kindertageseinrichtung.* Welche Erfahrungen machen sächsische ErzieherInnen mit Kindern mit unterschiedlichen familiären Hintergründen? Wie sieht die Entwicklung von Kindern mit soziostrukturellen Risikofaktoren in Sachsens Kindertageseinrichtungen aus?

Mit diesen Fragen setzte sich die Arbeitsgruppe „Potenziale Kita“ des apfe-Instituts der Evangelischen Hochschule Dresden unter der Leitung von Prof. Dr. Holger Brandes im Rahmen einer repräsentativen Studie auseinander. In der vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst geförderten Untersuchung (2008-2010) wurden ErzieherInnen jeder zweiten sächsischen Kitas zu ihren Erfahrungen mit bildungsbenachteiligten Kindern und ihren Eltern befragt. 1600 ErzieherInnen aus ganz Sachsen beteiligten sich an der Befragung. Die überaus hohe Teilnahmequote spiegelt die große Bedeutsamkeit der Thematik Bildungsbenachteiligung für die pädagogische Arbeit in den Kindertageseinrichtungen wieder.

Nach Einschätzung sächsischer ErzieherInnen stammen rund 10 Prozent aller betreuten Kinder aus Kontexten mit soziostrukturellen Risikofaktoren. Insbesondere von Armut bedrohte Familien und bildungsferne Elternhäuser werden für Sachsen als relevant eingeschätzt, während der Anteil an Familien mit Migrationshintergrund als weniger vordergründig angesehen wird.

Die ErzieherInnen nehmen bei zwei Dritteln dieser Kinder einen deutlich erhöhten Förderbedarf im Vergleich zu Kindern aus anderen sozialen Hintergründen wahr. Insbesondere Auffälligkeiten in der geistigen Entwicklung wie der Sprachentwicklung, den Problemlösefähigkeiten und des Konzentrationsvermögens werden beobachtet.

Gleichzeitig schätzen die Erzieherinnen ein, dass diesem erhöhten Förderbedarf mithilfe einer höchst individualisierten Zuwendung und Anleitung begegnet werden muss. Der derzeitige Betreuungsschlüssel – die Mehrheit der befragten ErzieherInnen ist im Alltag allein für 16 Kinder zuständig – lässt eine individuelle Förderung nach ihrer Einschätzung jedoch kaum zu.  Lediglich die soziale Integration der Kinder kann im Gruppenansatz der Kindertagesbetreuung gut gefördert werden.

Hilflosigkeit signalisieren die befragten Erzieherinnen in Bezug auf die Zusammenarbeit mit den Eltern der bildungsbenachteiligten Kinder. Obwohl ein deutliches Interesse an der Entwicklung der Kinder zu spüren ist, werden die Eltern mit den üblichen Formen der Elternarbeit wie Elternabenden  oder Entwicklungsgesprächen kaum erreicht.

Das Fazit der Untersuchung ist, dass die derzeitigen Bedingungen in Sächsischen Kitas es nicht erlauben, einen kompensatorischen Einfluss auf insbesondere die geistig-kognitive Entwicklung von Kindern aus soziostrukturellen Risikokontexten zu nehmen. Das Potenzial einer Kindertageseinrichtung als Bildungseinrichtung wird demnach noch nicht ausgeschöpft. Handlungsbedarf besteht institutionell-organisatorisch (Personalschlüssel, Möglichkeiten zur Qualifizierung, Ressourcenzuweisung in Abhängigkeit von sozio-strukturellen Bedarfslagen) und inhaltlich-konzeptionell (Orientierung für die konkrete Arbeit mit Kindern und Familien aus benachteiligten Milieus).

* Statistische Ämter des Bundes und der Länder: Kindertagesbetreuung regional 2009.

Publikationen

Brandes, Holger; Friedel, Sandra und Röseler, Wenke, 2011: Gleiche Startchancen schaffen! Bildungsbenachteiligung und Kompensationsmöglichkeiten in Kindergärten. Eine repräsentative Erhebung in Sachsen. Opladen.

Brandes, Holger; Friedel, Sandra und Röseler, Wenke, 2013: Auf Bildungsarmut reagieren. In: Dulig, Martin & Stange Eva-Maria (Hg.), Starke Kinder in Sachsen. Berlin, S. 77- 86.