Das multimethodische Projektvorhaben ist fokussiert auf die Untersuchung der Situation von werdenden Eltern und jungen Familien in Dresden als Hauptzielgruppe des Bundesprogrammes „Frühe Hilfen“.

Laufzeit: 01.04.-31.12.2022


Ausgangssituation

Fasst man die Bestrebungen der Familienforschung mit Blick auf werdende Eltern oder frühe Kindheit zusammen, so sollen Eltern bestmöglich auf die Bedürfnisse des (ungeborenen) Kindes eingehen, sich auf seine Gefühlswelt einlassen und lernen, das Kind als Interaktionspartner wahrzunehmen und zu behandeln. Dies geschieht in keiner Familie als ad hoc Maßnahme, sondern setzt einen gegenseitigen Kennenlern- und Gewöhnungsprozess voraus. Die zentrale Herausforderung der modernen Familien besteht in der Balance zwischen grenzenlosen Möglichkeiten und permanenten Anforderungen (z.B. kontinuierliche Weiterbildungsbedarfe) und gipfelt darin, dass die Grenzen zwischen Erwerb und Familie weitgehend verschwommen sind.

Kinder werden heute also in Familien geboren, die permanenten Aushandlungsprozessen unterliegen und in denen es kaum noch vorgefertigte Rollenmuster früher Generationen gibt. Dies ist wichtig, weil das nicht ohne Konsequenzen für das kindliche Aufwachsen bleibt. So kann der Ausbau der Kindertagesbetreuung einerseits als große Erleichterung für die Doppelerwerbstätigkeit von Eltern gesehen werden, allerdings verschiebt sich der Erziehungsauftrag immer mehr von der Familie als primäre Sozialisationsinstanz zu den Einrichtungen der frühen Bildung und Betreuung, weil schon kleine Kinder einen Großteil der Woche in institutioneller Betreuung verbringen.

Was ohnehin ein Balanceakt war, hat sich durch die Corona-Krise noch einmal intensiviert. Die Verschlechterung der ökonomischen Situation in der Corona-Krise, fehlende Vereinbarkeit von Beruf und familiärer Sorgearbeit in der Pandemie, mangelndes Vertrauen in die Betreuungsdimensionen der Einrichtungen der frühen Bildung, Trennung der Eltern sowie das Aufwachsen in getrennten Familienformen, gesundheitliche Beeinträchtigungen der Eltern wie Kinder - gerade auch durch Corona-Erkrankungen, fehlende Präventions- oder Förderangebote für kleine Kinder mit gesundheitlichen oder geistigen Beeinträchtigungen – die Belastungsszenarien von Eltern mit kleinen Kindern wären wohl noch auf vielen Eben erweiterbar.

Das multimethodische Projektvorhaben ist fokussiert auf die Untersuchung der Situation von werdenden Eltern und jungen Familien in Dresden als Hauptzielgruppe des Bundesprogrammes „Frühe Hilfen“. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwieweit die Corona-Maßnahmen zu Beeinträchtigungen aber auch Ressourcenaufbau in Familien mit Kleinkindern geführt haben und welche zukünftigen Handlungsbedarfe für die Frühen Hilfen dementsprechend abzuleiten sind.

Um diese Fragestellung angemessen beantworten zu können, beinhaltet das Forschungsvorhaben zwei Schwerpunkte. Die qualitative Fachkräftebefragung widmet sich den Perspektiven und Wahrnehmungen der Fachkräfte wie auch ehrenamtlich Tätigen in den unterschiedlichen Arbeits-und Betätigungsfeldern der Frühen Hilfen. Die multimethodische Familienbefragung untersucht Belastungsfaktoren von Familien mit kleinen Kindern und werdenden Eltern, die sich durch die Corona-Pandemie ggf. intensiviert haben oder überhaupt erst durch die Pandemie als solche wahrgenommen werden.

 


Frage-/Zielstellung

-   Die Erfahrungen von Schwangerschaft, Geburt und dem ersten Lebensjahr des Kindes haben sich für Familien durch die Corona-Krise verändert und führen von Unzufriedenheit bis hin zu familiären Konflikten oder Depressionsneigungen bei Müttern (PAULINE-Studie 2022). Tatsächlich haben diese Veränderungen unabhängig von Schicht- und Milieuzugehörigkeit zugenommen, die Familien besitzen aber unterschiedliche Resilienz-Faktoren, um mit diesen Konflikten umzugehen (Studienergebnisse der Abteilung für Differentielle und Biologische Psychologie an der JLU und der Professur für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie der Medical School Hamburg (MSH) [1]. Es gilt herauszufinden, welche strukturellen, systemischen, kulturellen, finanziellen personellen Bedingungen die Herausbildung solcher Resilienzfaktoren befördern bzw. erschweren. Die Identifikation dieser Resilienz-Faktoren ist wichtig für die Arbeit der Frühen Hilfen, weil existierende Handlungskonzepte ggf. angepasst oder neu ausgerichtet werden können.

 

-   Das Vorhandensein von Resilienzfaktoren sowie multipler Problemlagen von Familien ist in Deutschland noch immer in großen Teilen an Schicht- und Milieuzugehörigkeiten von Familien geknüpft (Geißler 2014) [2] . Ergänzend spielen auch kulturelle Unterschiede eine Rolle. Darüber hinaus prägen Schicht- und Milieuzugehörigkeit in Deutschland nicht nur das Bildungsverständnis innerhalb von Familien, sondern auch den Beschäftigungsgrad der Eltern und die finanziellen Ressourcen. Diese Faktoren spielen bei der Verteilung von Sorgearbeit, einem gemeinsamen Verständnis von Elternschaft aber auch einer Interaktion mit dem Kind eine große Rolle und müssen bei einer Elternbefragung berücksichtigt werden.

 

-   Die Heterogenität von Familienformen muss in die Forschung zu einer Neuausrichtung der Frühen Hilfen nach Corona einbezogen werden. Bereits vor der Krise bestand in der Familiensoziologie Einigkeit darüber, dass die verschiedenen Familienformen mit unterschiedlichen Ressourcen ausgestattet und dementsprechend unterschiedlich stark belastet sind (Jurczyk et al. 2014) [3]. Dies hat sich durch Corona zugespitzt (Alleinerziehenden-Studie Corona, Prof. Dr. Nina Weimann-Sandig, ehs Dresden) [4]. Gerade im Bundesland Sachsen steigt der Anteil moderner Familienformen. Dies spricht einerseits für die gesellschaftliche Offenheit, bringt jedoch neue Herausforderungen mit sich. Diese intensivieren sich in Krisenzeiten. Zum einen steigen mit zunehmender räumlichen Entfernung der getrenntlebenden Elternteile die Kontaktabbrüche zwischen Kindern und getrenntem Elternteil. Zum anderen steigt die psychische und physische Belastung des alleinsorgenden Elternteils durch finanzielle Unsicherheiten, resultierend aus Kurzarbeit, Arbeitsplatzverlust, fehlende Aufträge, Betriebsschließungen etc. Dies bleibt nicht ohne Folge für die Eltern-Kind-Beziehung. Die unterschiedlichen Familienformen müssen im Forschungsprojekt Berücksichtigung finden, weil sich daraus unterschiedliche Belastungen für Eltern und Kinder ergeben. Dies ist wichtig für die Sozial- und Familienpolitik (gerade auch in der Debatte um gemeinsames Erziehen von getrenntlebenden Eltern) wie auch für die Fachpraxis.

 

-   Die Sozialisation von Kindern verläuft derzeit unter völlig anderen Prämissen als bisher, gerade die Schutz- und Solidaritätsfunktion der Familie wird in Zeiten von Corona auf eine harte Probe gestellt. Bereits unter „normalen Bedingungen“, d.h. außerhalb gesellschaftlicher Krisenzeiträume ist das Familiensystem geprägt von einer permanenten, potentiellen Konfliktanfälligkeit. Dies ist – unter den Bedingungen eines ausbalancierten Familiensystems – dabei keineswegs rein negativ zu bewerten. Innerfamiliäre Konflikte bilden auf kleinster Ebene Konflikte ab, welchen sich die einzelnen Familienmitglieder auf vielen gesellschaftlichen Ebenen stellen müssen und welche Kinder befähigen, soziale Interaktionen erfolgreich zu bewältigen. Das System Familie bereitet also auf Auseinandersetzungen mit der gesellschaftlichen Umwelt vor, trainiert Möglichkeiten der Konfliktbewältigung und hilft gleichzeitig zu realisieren, dass selbst im engen Miteinander der familiären Vertrautheit, Konflikte nahezu selbstläufig vorprogrammiert sind. Dort, wo dies gegenwärtig nicht stattfinden kann, müssen entsprechende Angebote geschaffen werden.

 

 

 

Quellen:

 

[1] Munk AJL/, Schmidt NM/Alexander N. / Henkel K./ Hennig J.: (2020): Covid-19 – Beyond virology: Potentials for maintaining mental health during lockdown. PLoS ONE 15(8): e0236688 DOI: 10.1371/journal.pone.0236688

[2] Geißler, R (2014): Facetten der modernen Sozialstruktur. Online einsehbar unter: www.bpb.de/izpb/198045/facetten-der-modernen-sozialstruktur

[3] Jurczyk, K, Lange A, Thiessen B (2014) (Hg.): Doing Family. Warum Familienleben heute nicht mehr selbstverständlich ist. München: Beltz.

 


Vorgehen

 

Familienbefragung


Um Einblicke in die aktuellen Bedarfslagen sowie die generelle Situation von Familien mit kleinen Kindern in Dresden zu erhalten, werden explorative Fokusgruppen durchgeführt. Geplant sind insgesamt  10 Fokusgruppen mit Familien, wobei die Samplingstrategie unter Einbeziehung stadträumlicher Gesichtspunkte gemeinsam mit dem Jugendamt Dresden festgelegt wird.  Jede Fokusgruppe soll aus 6-8 Elternteilen bestehen. Da gerade Eltern mit Migrationshintergrund und Sprachbarriere dazu neigen, an Befragungen weniger teilzunehmen, werden ergänzend drei Fokusgruppen in der Landessprache der Familien angeboten (z.B. Syrisch, Türkisch, Russisch). Auch hier soll die Gruppengröße 6-8 Teilnehmende nicht überschreiten.

Designt wird ebenso ein standardisierter Fragebogen, welcher Eltern mit Kleinkindern, also Familien aus dem Bereich der Frühen Hilfen, adressiert. Die Erhebung orientiert sich – entsprechend der Ausschreibung – an der Grundgesamtheit von 18.000 Familien mit Kindern unter drei Jahren in Dresden. So genannte Fall-Vignetten werden in den quantitativen Fragebogen integriert. Gerade die Vignetten-Analyse erlaubt sozialräumlichen Analysen im Fragebogen. Der Fragebogen soll insbesondere auch Familien, die von Armut betroffen sind, addressieren.Es ist davon auszugehen, dass die Corona-Pandemie armutsförderliche Lebenslagenfaktoren noch verstärkt hat.


Fachkräftebefragung


Familienarbeit im Rahmen der Frühen Hilfen kennzeichnet sich durch eine Vielfalt an familienunterstützenden Institutionen sowie einem breiten Fundament ehrenamtlicher Arbeit. Die Fachkräfte, die in den einzelnen Felder arbeiten, verfügen zum Teil über durchaus heterogene Bildungsabschlüsse, Kompetenzprofile und Erfahrungswissen. Darüber hinaus wird in manchen Institutionen bereits multiprofessionell gearbeitet, manche Bereiche sind indes in ihren Digitalisierungsangeboten auch schon weiter fortgeschritten als andere. Dieses breite Spektrum an Fachlichkeit wurde bisher in bundes- wie auch landesweiten Befragungen wenig thematisiert. Gerade die Corona-Krise verdeutlicht aber, wie wichtig institutionenübergreifende Zusammenarbeit zur Unterstützung von hilfesuchenden Familien ist und wie sehr Familien auf Unterstützungsangebote angewiesen sind. Ebenso hat sich die Arbeit von Fachkräften im Bereich der familien-, jugend- und kinderunterstützender Maßnahmen seit Beginn der Corona-Pandemie grundlegend verändert. Während die Präsenzbeziehungen vor Corona kennzeichnend und grundlegend für diese Arbeitsfelder waren, müssen nun verstärkt auf digitale Beratungsformen und Unterstützungsangebote zurückgegriffen werden. Abhängig vom Lebensalter der Hilfesuchenden wie auch vom Grad der Belastungen in den Familien, bedeutet dies für die Fachkräfte besondere Herausforderungen für die Arbeit mit ihren Adressat:innengruppen.


Geplant sind 3 digitale Auftaktworkshops mit begleitenden Fokusgruppen mit einer Dauer von 1,5 Stunden pro Workshop. Je nach Rücklauf und Interesse sind hier meist zwischen 15 und 20 Interessierte pro Auftaktworkshop zu erwarten, welche nach einer gemeinsamen Auftaktphase in zwei Diskussionsgruppen unterteilt werden Die Auftaktworkshops dienen einerseits der Information der Fachkräfte über die Studie und der Herausbildung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Forschenden und Praxisexpert:innen. Gerade bei diesen Auftaktworkshops bietet sich die Gelegenheit zur Thematisierung von Schnittstellenproblematiken zwischen den Teilbereichen der Frühen Hilfen wie auch der Wahrnehmung von gelingenden oder weniger gelingenden Übergängen.


Vertiefend geplant sind 12-15 Expert*inneninterviews, wobei bereits im Samplingprozess auf die Heterogenität der Arbeitsfelder, unterschiedliche Kompetenzfelder sowie den sozialräumlichen Schwerpunkt geachtet wird. Ebenso gilt es zwischen ehrenamtlich Tätigen und Hauptamtlichen Fachkräften zu differenzieren. Gerade das Feld der Ehrenamtlichkeit ist für die Frühen Hilfen von großer Bedeutung, hat mit Blick auf Abstands-, Hygieneregeln und erschwerte Zugänge aber seit der Coronapandemie stark gelitten.



Kontakt

Sie erreichen uns unter dieser E-Mail-Adresse: Projekt.FrueCo@ehs-dresden.de

 

 

Projektleitung

 

Prof. Dr. Nina Weimann-Sandig

E-Mail: nina.weimann-sandig@ehs-dresden.de

Tel.: +49 (0)351-469 02 322

 

 

Wissenschaftliche Mitarbeit

 

Götz Schneiderat

E-Mail: goetz.schneiderat@ehs-dresden.de

Tel.: +49 (0)351 469 02 428

  

Anja Bielefeldt

E-Mail: anja.bielefeldt@ehs-dresden.de

 

Stefanie Zeitz

E-Mail: stefanie.zeitz@ehs-dresden.de

 


Gefördert durch:

Jugendamt der Landeshauptstadt Dresden aus Mitteln des Fonds Frühe Hilfen im Rahmen der Richtlinie des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz (SMS) zur Förderung des Präventiven Kinderschutzes und Früher Hilfen im Freistaat Sachsen (FRL PKFH)