Projekt: Wissenschaftliche Begleitung der Flüchtlingssozialarbeit in Sachsen - die Weiterentwicklung von professionellem Selbstverständnis und fachlichen Standards der Sozialen Arbeit mit Geflüchteten

Ausgangssituation und Problem- bzw. Fragestellung

Flucht und Asyl bzw. die Menschen, die aus unterschiedlichen Ländern und Regionen der Welt in Sachsen einen Asylantrag stellen und in unterschiedlichem Maße zuerkannt erhalten, beschäftigen nach wie vor die Öffentlichkeit und die Soziale Arbeit.
Die sog. Flüchtlingssozialarbeit (FSA) ist quantitativ gewachsen. Neben ausgebildeten Sozialarbeiter_innen/Sozialpädagog_innen wurden auch Menschen mit anderen Abschlüssen und besonderen Kompetenzen (z.B. Sprachkenntnissen) für die soziale Betreuung von Flüchtlingen eingestellt. Trotz gesunkener Zahlen von Asylanträgen wird der von der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Sachsen (2013) empfohlene Personalschlüssel von 1:80 in der Regel nicht als Grundlage von Förderrichtlinien und Unterbringungskonzepten angenommen. In Anbetracht der zu leistenden Aufgaben der FSA ist er – regional unterschiedlich – (zu) hoch.
Qualitativ unternimmt die Flüchtlingssozialarbeit in Sachsen erhebliche Anstrengungen, professionelle Standards für die Soziale Arbeit mit Geflüchteten in Gemeinschafts- und dezentralen Unterkünften zu definieren und umzusetzen. Wir konnten bisher im Rahmen des Projekts im Jahr 2016 einen ersten Bestand zu normativen Orientierungen und zur Handlungspraxis ermitteln und auswerten, der zeigt, dass Soziale Arbeit mit Geflüchteten -

  • professionelle Hilfe zur Bewältigung aller wesentlichen Lebenswelten und Lebenslagen eines Menschen betrifft, also umfassend ist,
  • sich auf sehr heterogene Gruppen innerhalb der Zielgruppe bezieht, also divers und individuell ist,
  • sich sowohl auf die Zielregion Sachsen mit verschiedenen Städten und Landkreisen als auch auf die Herkunftsländer und -regionen bezieht, also regional und transnational spezifisch ist,
  • Katalysator und Organisator bürgerschaftlichen Engagements ist, einschließlich des Engagements von Migrant_innenselbstorganisationen,
  • sich abstimmen und kooperieren muss mit benachbarten Handlungsbereichen der Migrationssozialarbeit und anderen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, der Justiz, des Bildungs- und Gesundheitswesens sowie der sozialen Grundsicherung und Erwerbsarbeit, aber auch mit der Zivilgesellschaft,
  • multiprofessionelles und trägerübergreifendes berufs- und sozialpolitisches Handeln ist

Soziale Arbeit mit Geflüchteten ist also durch ‚Allzuständigkeit‘ in ihrer Arbeit herausgefordert. Zugleich steht sie unter einem hohen Erwartungsdruck.
Paradoxien zwischen Hilfe und Kontrolle in einer demokratischen und zugleich sozial ungerechten Konkurrenzgesellschaft, zwischen den Bedürfnissen der Geflüchteten und politisch-ökonomischen Erwartungen an Effektivität und Effizienz der Sozialen Arbeit oder/und zwischen unterschiedlichen Professionen, die in ihren Selbstverständnissen das Subsidiaritätsverhältnis zwischen den Trägern unterschiedlich auslegen, können zu Missverständnissen, Konkurrenz und Handlungsbegrenzungen in der Flüchtlingssozialarbeit führen.
Das zu analysierende Problem in dem beantragten Projekt ist, dass Soziale Arbeit als Flüchtlingssozialarbeit in besonderem Maße eingebunden ist in einen Lernprozess, den sie selbst für ihr professionelles Selbstverständnis unter oben benannten komplexen Bedingungen durchlaufen muss. Zugleich ist sie eingebunden in einen gesellschaftlichen Lernprozess, der die Verstricktheit Sachsens und Deutschlands mit den Fluchtursachen in Europa und der weiteren Welt verdeutlicht und der Chancen und Grenzen ihrer Professionalisierung offenbart.

Im Kontext der gesunkenen Zahlen von Geflüchteten ist derzeit mehr Raum bei freien und öffentlichen Trägern, die Standards der Flüchtlingssozialarbeit zu diskutieren. Dabei ist zu klären, was unter Standard und Standardisierung zu verstehen ist, inwieweit FSA im Sinne von Professionalität Sozialer Arbeit zu bestimmen und gegebenenfalls zu ‚vereinheitlichen‘ ist und welcher Konsens zwischen verschiedenen AkteurInnen diesbezüglich besteht.

Ziele des Projekts und Zielgruppen

Ziel des beantragten Projekts ist die Rückkopplung der Ergebnisse aus 2016 an verschiedene Schlüsselakteure im Handlungsfeld der FSA, um über die Bestandsaufnahme hinaus ‚gesättigtes‘ Wissen über Standards bzw. Handlungsansätze (i. w. S.) der FSA in einem methodisch gesteuerten Prozess zu generieren.
Zugleich werden damit Lern- und Aktivierungsprozesse der Beteiligten angestrebt, um die fachlichen Standards und das professionelle Selbstverständnis der FSA für die konkrete Handlungspraxis und trägerübergreifend weiterzuentwickeln. Dieser Prozess schließt die bewusste Reflexion einerseits von Differenzierungen und Arbeitsteilungen im Berufsfeld der Migrationssozialarbeit und andererseits von möglichen Unterschieden in den professionellen Standards in städtischen bzw. ländlichen Regionen ein.

Letztendlich sollen normative Orientierungen für die FSA geschärft, die Handlungspraxis (kritisch würdigend) weiterentwickelt und die Kooperationen verbessert werden, um die Lebensbewältigung der geflüchteten Menschen und das soziale Leben mit der länger ansässigen Bevölkerung zu unterstützen.

Zielgruppen des beantragten Projekts sind in erster Linie Professionelle im Handlungsfeld Flucht und Asyl bei freien und öffentlichen Trägern der Wohlfahrtspflege sowie zivilgesellschaftlich Engagierte (einschließlich von Migrantenselbstorganisationen) und private Betreiber_innen von Unterkünften und Wohnungen.

Förderung

Die quantitative Erhebung, die Delphi-Befragung und die Regionalwerkstätten werden über die Förderrichtlinie „Integrative Maßnahmen“ der Staatsministerin für Gleichstellung und Integration beim Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz bis zum 31.12.2017 gefördert.