Ein kurzer Bericht zu einem ganz kurzen Praktikum in einer kleinen Kindertagesstätte in Frankreich

Auf meiner Heimreise von Portugal habe ich mir die Zeit genommen, eine kleine Pause im Elsass einzulegen, um ein klein wenig in die pädagogische Praxis unserer Nachbarn hineinzuschnuppern. Ich hatte die noch sehr junge Einrichtung der „P'tits Rimli's“ über private Kontakte gefunden und mich sehr gefreut, als sie einwilligten, mich für dieses 5-tägige Praktikum zu empfangen. Viel arbeiten konnte ich während dieser kurzen Zeit nicht, doch ich konnte einiges über das französische Erziehungssystem erfahren und eine neue Betreuungsform für die Allerkleinsten kennenlernen.

In Frankreich gibt es viele Frauen, die nach ihrem Mutterschutz (10 Wochen nach der Geburt) direkt wieder arbeiten. Das bedeutet, dass Babys, die noch keine drei Monate alt sind, entweder bei Familienangehörigen, Tagesmüttern (assistantes maternelles) oder in Kindertagesstätten (crèches/ multi-accueil) untergebracht werden müssen. Eine Zwischenform zwischen den crèches und den assistantes maternelles, bietet die „micro-crèche“. Diese kann bis zu 10 Kleinkinder gleichzeitig empfangen und bietet einige Vorteile, gegenüber den anderen Betreuungsformen. Die Räumlichkeiten sind umfassend dem Alter der Kinder angepasst, es gibt vielfältiges Spielmaterial, die Gruppengröße ist relativ gut überschaubar. Die Kindergruppe in der micro-crèche wird von Fachpersonal betreut, das entweder als assistante maternelle, auxiliaire petite enfance („Hilfserzieherinnen“), auxiliaire de puéricultrice („Hilfskinderkrankenschwester“) oder éducatrice de jeunes enfants (akademisch ausgebildeten Erzieherinnen) qualifiziert sind. Während den Öffnungszeiten ist immer mindestens eine Fachkraft für bis zu drei Kinder da, für insgesamt vier bis zehn müssen zwei Fachkräfte anwesend sein. Dieser Schlüssel unterscheidet sich von den normalen Krippen, wo eine Fachkraft für 6 Kinder, die noch nicht laufen können, bzw. 8 Kinder, die schon laufen können, berechnet werden. Die Gruppen dort sind meist alters-homogen und können durchaus mehrere Fachkräfte und dementsprechend viele Kinder betragen (so z.B. drei Fachkräfte für 24 Kleinkinder). Doch von solchen Großveranstaltungen ist die micro-crèche weit entfernt, hier herrschen eher familiäre Verhältnisse.

Die micro-crèche „Les p'tits Rimli's“ arbeitet mit einer altersgemischten Gruppe, zur Zeit sind es überwiegend Jungen im Alter von ca. einem Jahr. Ein paar Babys und ein paar Zweijährige sind auch dabei. Mehrere Kinder befinden sich in der Eingewöhnungsphase. Die Einrichtung ist darauf vorbereitet, bis zu drei Kinder mit besonderem Förderbedarf (Integrationskinder) zu empfangen. Obwohl 14 Kinder auf die 10 Plätze angemeldet sind, waren während meiner Anwesenheit nie mehr als 6 Kinder da. Das liegt zum einen an den flexiblen Betreuungszeiten, die sich die Eltern ganz nach Bedarf einteilen können, und zum anderen daran, dass die Einrichtung erst seit einem halben Jahr besteht und noch keinen großen Bekanntheitsgrad genießt.

Der Tagesablauf ist geprägt von den verschiedenen Bring- und Abholsituationen, in der sich die Eltern und Fachkräfte unter anderem über das Ess-, Schlaf- und Hygieneverhalten der Kinder austauschen, damit die individuellen Bedürfnisse der Kinder optimal beachtet werden können. Die Esskultur der Einrichtung legt wert darauf, miteinander zu essen (gar nicht so leicht, mehrere Kinder zu füttern und nebenher selbst zu satt zu werden!). Abgesehen von Essen, Schlafen und Windeln, haben die Kinder reichlich Zeit zu spielen, Bücher anzuschauen oder ein wenig zu turnen und zu tollen. Ab und zu wird ein Liedchen gesungen oder eine Geschichte vorgelesen. Neben den gewöhnlichen Spielsachen, der Puppenküche und Büchern gibt es Matten und große Schaumstoffkörper, sowie ein Bällchenbad, die zur Bewegung einladen. Die ländliche Gegend bietet zusätzlich zu dem kleinen Hof und Garten, wunderschöne Möglichkeiten für Spaziergänge, Wald und Wiesen sind ohne große Mühe erreichbar.

So kann z.B. an einem Tag ein kleiner Spaziergang gemacht werden, am nächsten Tag wird zum künstlerischen Ausprobieren eingeladen (mit Stiften, Schwämmchen, Farben, Aufklebern,...). Tags drauf wird ein Planschbecken im Bad aufgebaut und am folgenden Tag wird eine Aktion gestartet, die zum Ziel hat, ungekochten Reis mit unterschiedlichen Gefäßen umzufüllen: Was bei Zweijährigen schon ganz gut gelingt, sieht bei den Einjährigen so aus, dass sie - konzentriert auf die sinnlichen Erfahrungen - erst beobachten, dann den Reis ertasten, die Gefäße schütteln und ausschütten, den Reis in den Mund stecken (bevor die Erzieherin ihn schnell wieder herausholt), den Reis verteilen, mit den Gefäßen spielen und im Endeffekt Freude am Experimentieren haben.

Es hat mir selbst auch viel Freude bereitet, diese Kinder zu beobachten, wie sie spielen, ausprobieren und miteinander interagieren, wie sie noch unsichere Schritte tun und sich bewegen. Es war toll, sie in den Schlaf zu wiegen und lustig mit ihnen zu reden, selbst wenn ich nicht verstehen konnte, was sie mir antworteten (und das lag diesmal nicht an der Sprache an sich).Insgesamt musste ich immer wieder zurück an die ehs denken und war nach meinen Erfahrungen in Portugal fast überrascht, dass es tatsächlich möglich ist, so vieles von der Theorie, die ich in Dresden gelernt hatte, in Frankreich angewendet vorzufinden.

Martha von der Recke, Studentin BEKi