1. Quartalsbericht meines Auslandsaufenthaltes in Lissabon (Martha von der Recke)

 

Die ersten Monate während meines Auslandsaufenthaltes im Rahmen von BEKi sind geprägt von vielen neuen Eindrücken und dem Kennenlernen einer besonderen Art der pädagogischen Praxis. Ich möchte daher von meinem Praktikum berichten und einige Charakteristika des portugiesischen Bildungssystems herausarbeiten.

Das Praktikum spielt eine sehr zentrale Rolle im Masterstudiengang „Educação Pré-Escolar“ (=Vorschulerziehung) und ist mit zahlreichen Aufgaben versehen. Die „Vorschulerziehung“ ist an 3 bis 5-Jährige gerichtet und entspricht daher in etwa dem deutschen Kindergartenbereich der 3 bis 6-Jährigen. Allerdings ist dieser Abschnitt sehr viel stärker auf die konkrete Schulvorbereitung fokussiert. Dies äußert sich in täglichen Lernspielen, thematischer Arbeit und Übungen sowie der systematischen Überprüfung und Bewertung des Gelernten. Die Lerninhalte sind in einem Zielkatalog („Metas de Aprendizagem“) festgelegt, welche alle Kinder in Portugal bis zum Ende der Vorschulzeit erreicht haben müssen.

Der kooperierende Kindergarten, in dem sich mein Praktikum dreimal wöchentlich abspielt, ist Teil des „Colegio da Torre“ und befindet sich etwas außerhalb von Lissabon, in Paço de Arcos, einer kleinen Gemeinde am Flussdelta des Tejos. Das „Colegio da torre“ beinhaltet ebenfalls eine Krippeneinheit, sowie eine Grundschule im anliegenden Gebäude und ermöglicht dadurch hohe Kontinuität in der pädagogischen Arbeit und koordinierte Übergänge.
Es handelt sich um eine private Einrichtung, welche sich an den Multiplen Intelligenzen des Howard Gardener orientiert. Mit einem sehr umfassenden Förderprogramm für alle Kinder und zahlreichen Zusatzangeboten für die, die wollen, versucht es die bestmögliche Entwicklung der Kinder zu garantieren. Die Vorbereitung auf die Schule wird hier dermaßen intensiv betrieben, dass die Ziele des nationalen Zielkatalog bei weitem übertroffen werden.

Die Einrichtung verfügt über ein multiprofessionelles Team. Zusätzlich zu den ErzieherInnen, GrundschullehrerInnen und der Leitung gibt es auch Fachlehrer für den Vorschulbereich (Sport, Musik und Englisch), PsychologInnen und sogenannte „Auxiliares“ (Hilfskräfte/ SozialassistentInnen). Die Auxiliares sind keine Besonderheit von privaten Einrichtungen, sondern normalerweise in allen Einrichtungen des Elementarbereich anzutreffen. Sie sind zuständig für allerlei praktische Aufgaben in alltäglichen Situationen wie Essen, Schlafen, Kleiden, Hygiene und Betreuung. Die Erzieherinnen sind dafür mehr auf die Lehrfunktion spezialisiert.
Alle Angestellten tragen Arbeitskleidung, das bedeutet spezielle Polohemden für die Männer und Schürzen für die Frauen (je nach Funktion mit verschiedenen Farben: pink für das pädagogische Personal, gelb für die Hilfs- und Putzkräfte und Köchinnen). Auch die Kinder tragen einheitliche Kittel oder T-Shirts. Solche Extrakleidung für Kinder und Fachkräfte ist allgemein üblich, in privaten wie in öffentlichen Einrichtungen.
Zusätzlich gibt es noch LogopädInnen und ZahnärztInnen, welche regelmäßig in die Einrichtung kommen. Für die Zusatzangebote kommen nochmals Fachkräfte für Ballett, Yoga und Musikinstrumentenunterricht hinzu.

Der Tagesablauf beginnt für die Kinder, die zeitig gebracht werden, in der Großgruppe im Essenssaal, wo sie an den Tischen oder auf einem Teppich spielen und malen können und von den Auxiliares betreut werden.
Um 9.00 Uhr gehen die Kinder mit den ErzieherInnen mit ihren nach Alter getrennten Gruppen in die Gruppenräume, wo es noch weitere 15 Minuten Zeit zum Ankommen und ein wenig Spielen gibt. Die Gruppengrößen variieren: in der Gruppe, die ich begleite, sind es beispielsweise 14 Kinder, andere betragen bis zu 18 Kinder. In öffentlichen Einrichtungen sind es oft mehr. Nach diesen 15 Minuten wird wieder aufgeräumt und die Gruppe versammelt sich im Kreis auf dem Teppich. Alle Kinder tragen ihre Anwesenheit in einer Tabelle ein und eines darf das Datum anstecken. Manchmal wird auch eine Art Wetterprotokoll geführt, wo ein Kind das aktuelle Wetter anstecken darf. Dann gibt es evtl. Ankündigungen für den Tag und montags erzählt jedes Kind von seinem Wochenende. Danach gibt es ein Stück Apfel und die Erzieherin meiner Gruppe nutzt die Gelegenheit regelmäßig, um die Kinder zu fragen, mit welcher Hand sie das Stück nehmen, um das „rechts/links“ zu üben. Während die Kinder essen, wird normalerweise eine Geschichte vorgelesen, welche eins der Kinder mitgebracht hat. Anschließend stellt die Erzieherin noch ein paar Fragen dazu.
Im Anschluss folgt ein thematischer Teil, der zum einen eine der Multiplen Intelligenzen ansprechen soll, zum anderen bestimmte Jahresthemen abarbeitet und gleichzeitig die Zielkompetenzen aus den „Metas de Aprendizagem“ fördert. Dann werden also Themen wie „Pflanzen“, „Tiere“, „Ökologie und Recycling“ oder „Kunst“ mit der sprachlichen, logisch-mathematischen, körperlichen, interpersonellen oder intrapersonellen Intelligenz gepaart, und mit Übungen, Spielen und Arbeitsblättern versehen. Für die mathematische Intelligenz und den mathematischen Bereich der Zielkompetenzen orientiert sich die Einrichtung an einem Konzept namens „Brincando com a matemática“, welches eine Adaptation eines amerikanischen Programms („Big math for little kids“) darstellt und in der Einrichtung für die Kinder von 4 bis 5 Jahren angewendet wird. Gemeinsam werden dann Zahlen, Formen, Muster, Größen und Vergleiche, sowie einfache Rechenaufgaben eingeübt. Eine solche Aktivität, wie auch die zu anderen Themen, sind großteils in der Großgruppe organisiert. Das bedeutet, die Erzieherin erklärt, worum es geht, was zu tun ist, zeigt es am Anschauungsmaterial und lässt dann die Kinder einzeln kleine Aufgaben lösen und Fragen beantworten. Je nach Material wird auch an den Tischen gearbeitet und dann kann evtl. auch jedes zweite Kind damit arbeiten und das jeweils zweite Kind sieht zu und soll überprüfen, ob es richtig gemacht wird. Oft folgt darauf noch eine Einheit, in der die Kinder einzeln Arbeitsblätter bearbeiten oder etwas malen.
Ist das geschafft, dürfen sich die Kinder aussuchen, was sie spielen wollen. Sehr beliebt ist die Ecke mit der Puppenküche und die kleinen Plastiktiere auf dem Teppich. Danach folgen Puzzle, der Autoteppich, die Bücherecke, Memory, Domino und andere Spiele, die an den Tischen gespielt werden können. Die Gruppengröße für das freie Spiel ist in der Regel auf drei Kinder pro Bereich begrenzt. Während der Zeit des freien Spielens werden manchmal noch einzelne Kinder individuell zu Übungen oder Aufgaben gerufen, um zu überprüfen, ob sie es wirklich verstanden haben oder um nachzuarbeiten, was in einem anderen Moment nicht geschafft wurde.
Die Arbeitsergebnisse werden im Flur oder im Gruppenraum aufgehängt oder ausgestellt. Der Erfolg in den mathematischen Übungen wird in Übersichten dokumentiert.
Gegen 11.15Uhr wird dann wieder aufgeräumt, evtl. noch ein kleines gemeinsames Spiel oder Animation durchgeführt. Dann werden die Hände gewaschen und im Essenssaal mit drei weiteren Gruppen gegessen. Jeden Tag gibt es Suppe, eine Hauptspeise und Obst zum Nachtisch. Die Kinder müssen dabei lernen, alles zu essen. Wenn danach noch ein wenig Zeit ist und das Wetter gut, dürfen die Kinder noch 5-10 Minuten auf einem kleinen Spielplatz spielen. Anschließend geht es wieder gemeinsam hoch zum Zähneputzen und Schlafen gehen. Für die Ortswechsel bilden die Kinder jeweils eine Reihe, meist wird dazu ein Lied gesungen. Vor dem Einschlafen gibt es oft noch eine Geschichte oder ruhige Musik.
Am Nachmittag, nach dem Vesper, gibt es erneut gemeinsame Aktivitäten und freies Spiel, bis die Kinder abgeholt werden.
Dieser Tagesablauf variiert in Funktion der wöchentlichen (oder zweiwöchentlich wiederkehrenden) Aktivitäten wie Sport- und Musikunterricht oder den Projekten „Projeto Sorrir“ und „Nutrifun“, zu den Themen Mundhygiene und gesunde Ernährung. Für Aktivitäten wie Schwimmen und Ballett, die nicht von allen wahrgenommen werden, verlassen einzelne Kinder den Gruppenverband. Außerdem kommt es auch hin und wieder vor, dass für die Vorbereitung und Durchführung von Festen wie z.B. Muttertag von dem Lernprogramm abgewichen wird.
Die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern ist geprägt von viel Herzlichkeit einerseits, und hohen Erwartungen und manchmal auch Härte andererseits. So gibt es manchmal Tränen wegen einer Aufgabe oder des Essens, aber auch viele Küsschen und Umarmungen in anderen Momenten. Die Erzieherin der Gruppe ist für die Kinder eine extrem wichtige Bezugsperson und spielt innerhalb des Gruppenprozesses eine maßgebliche und sehr zentrale Rolle.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alles genau durchstrukturiert und geplant ist und auf seine Wirkung stets überprüft wird. Die Kindern lernen schon früh viel Stoff, der für sie aufbereitet wird, und Verhaltensweisen, die von ihnen erwartet werden. Höflichkeit und gute Manieren werden eingeübt.

Persönlich vermisse ich ausgiebige Momente des freien Spiels, drinnen wie draußen, Zeit zum Sich-Vertiefen, mehr Möglichkeiten zur spontanen Interaktion mit und zwischen den Kindern, Gelegenheiten für Kreativität und Fantasie, sowie Bewegungsfreiheit.
Etwas unwohl fühle ich mich in den Momenten, wenn die Kinder lange Zeit in der gleichen Position still sitzen und viel zuhören müssen. Etwas kritisch finde ich es auch, wenn sie schreiben sollen, aber eigentlich noch nicht genug Kraft in den Fingern haben, um den Stift richtig zu halten. Andererseits finde ich es gut, wie darauf Wert gelegt wird, das Interesse für Bücher und Schrift zu wecken. Insgesamt denke ich, dass den Kindern wirklich viele und auch schöne Anregungen geboten werden, man sich aber insgesamt mehr Zeit nehmen sollte, um ein tiefgründigeres Lernen zu ermöglichen, selbst wenn man dafür eventuell weniger durchnimmt.

Die Zusammenarbeit mit den Eltern scheint sehr gut zu funktionieren. Zum Teil werden diese in die Aufgaben und zu bearbeitenden Themen mit einbezogen und es gibt auch regelmäßig Feste, zu denen sie in den Kindergarten eingeladen werden. Für die Kinder sind das meist große Glücksmomente.

2. Quartalsbericht - Reflexion meines Praktikums (Martha von der Recke)

1. Einleitung
In diesem zweiten Quartalsbericht möchte ich rückblickend meine Erfahrungen und Beobachtungen während des Praktikums überdenken und reflektieren. Beginnend mit einem kurzem allgemeinem Eindruck, möchte ich dann auf meine Motivation und Ziele eingehen, anschließend etwas ausführlicher Erfahrungen und Beobachtungen beschreiben, die ich gemacht habe und danach auf meine eigene Rolle und Aktivität eingehen und diese abschließend mit den offiziellen Leistungsvorgaben von ErzieherInnen in Portugal abgleichen.

2. Allgemeiner Eindruck
Mein Praktikum im Colégio da Torre von März bis Juni 2013 war eine sehr interessante, anregende, aber auch schwierige Erfahrung für mich. Ich war vor allem am Anfang irritiert, manchmal traurig und in einzelnen Fällen auch ein wenig verstört von der gängigen Praxis, die ich dort beobachten konnte, aber es hat mich auch dazu angeregt, meine vorherigen Ansichten und Haltung (welche unter anderem stark von meinem Studium an der ehs geprägt sind), sowie die Praxis, die mir aus Deutschland bekannt ist, infrage zu stellen.

3. Ziele und Motivation
Als sich für mich die Möglichkeit eröffnete, während des Studiums ins Ausland zu gehen, war ich sehr erfreut und überaus positiv eingestellt. Ich wollte diese Möglichkeit nutzen, um abgesehen vom Kennenlernen des Landes, der Sprache und der Leute, meine Kenntnisse zu Themen der Erziehung und Bildung in der Kindheit zu vertiefen, bzw. zu erweitern. Mir war bewusst, dass sich Deutschland in seinen Erziehungsidealen an nordeuropäischen Ländern wie Schweden orientiert und die Erziehung der südeuropäischen Länder, mit der Ausnahme von Reggio und Montessori, nicht unbedingt als Vorbild gilt. Von den portugiesischen Erziehungsidealen und -methoden (gleichermaßen auch der Kultur insgesamt) wusste ich zunächst reichlich wenig. Ich erfuhr, dass das portugiesische Bildungssystem an das französische angelehnt ist, welches mir als Halbfranzösin zumindest theoretisch bekannt sein sollte. Alles andere lernte ich erst vor Ort kennen und musste dabei feststellen, dass ich ziemlich unvorbereitet dort ankam.

4. Erfahrungen und Beobachtungen
Während des Praktikums war für mich nicht immer leicht zu wissen, was ich zu tun und wie ich mich zu verhalten habe, bzw. auch meine Haltung mit den Erwartungen, die mir entgegen gebracht wurden in Einklang zu bringen. Vermutlich wäre an manchen Stellen mehr Austausch hilfreich gewesen. Ich denke, für mich war es immer wieder ein Abwägen, wie sehr ich mich an die Strukturen und Normen anpassen kann und will. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, mich mehr darauf zu konzentrieren herauszufinden, wie ich in meiner Art angenommen und mit meinen Fähigkeiten integriert werden kann.

Vor allem am Anfang war ich etwas irritiert davon, wie wenig die Kinder selbst machen dürfen und dass der Hauptbestandteil des Vormittags aus einer Art Unterricht besteht, in dem die Erwachsenen unterschiedliche Stoffe aufbereiten, darbieten und hinterher weiter verarbeiten. Die tägliche Arbeit der Erzieherin besteht also darin, thematische Aktivitäten vorzubereiten, durchzuführen und auszuwerten. So bringt die Erzieherin z.B. regelmäßig Arbeitsblätter mit, animiert die Kinder dazu, eine Aufgabe darauf zu erledigen und lässt sie dann zur Belohnung die Bildchen auf dem Blatt bunt ausmalen und abschließend den Namen und Datum darauf schreiben. Das Ganze versieht sie dann noch mit einem farbigen Rahmen und hängt es im Flur oder im Gruppenzimmer auf. Auch in zahlreichen anderen Situationen konnte ich beobachten, wie die Erwachsenen die meisten Aufgaben übernahmen, während die Kinder eher passiv teilnahmen oder gar warten mussten. Dieser Ansatz war mir zunächst fremd, da ich es gewohnt war, dass die Aktivität der Kinder dadurch gefördert wird, dass die Erwachsenen sich auf die Rahmengestaltung, sprich Organisation des Materials, des Raumes und der Zeit beschränken, und den Kindern in diesem Rahmen Freiheit geben, sich zu entfalten, individuell, aber auch miteinander zu lernen, welches wiederum von den ErzieherInnen beobachtet und dokumentiert wird. Das Prinzip, Wert auf intrinsisch motiviertes Lernen und individuell verschiedene Lernstrategien der Kinder zu legen, und vor allem das Kind als wichtigsten Akteur seiner eigenen Bildung zu sehen, konnte ich so nicht wiederfinden. Bildung wird hier als etwas betrachtet, was die Kinder nur mithilfe der Erwachsenen erreichen können, etwas, was die Erwachsenen den Kindern geben und nicht etwas, was die Kinder selbst aufbauen.
Verwunderlich war für mich, dass die Einrichtung vorgibt, sich in seiner Konzeption an den Multiplen Intelligenzen nach Howard Gardener zu orientieren, obwohl die Kinder die meiste Zeit die gleichen Aktivitäten machen und nicht, wie Gardener sein Ideal der neuen Schule beschreibt, auf die individuellen Talente und Interessen der Kinder eingegangen wird und diese gefördert werden (Gardener 1999). Die Interpretation von Gardeners Theorie konzentriert sich in der vorgefundenen Praxis auf die gleichmäßige Förderung der unterschiedlichen Intelligenzen, indem jeden Tag eine andere Intelligenz in einer Übung oder Aktivität angesprochen wird und von allen Kindern gleichermaßen erfüllt werden muss. Auch im Zusammenhang mit anderen wissenschaftlichen Theorien (z.B. auch das Thema der „Zone der nächsten Entwicklung“ nach Wygotzki(1987)) fiel mir auf, dass sie hier stets etwas anders interpretiert und der Praxis entsprechend ausgelegt wurden, bzw. anders angewendet wurden. Mir wurde klar, dass mein Wissen sehr kontextgebunden und nicht direkt auf die portugiesische Realität anwendbar ist.

Mir ist aufgefallen, dass die Kinder hier sehr viel weniger Anregungen durch die freie und freiwillige Auseinandersetzung mit interessanten Materialien erhalten, da dies zeitlich weniger gewichtet ist. Ich konnte aber auch erkennen, dass sie dafür sehr viel mehr Anregungen in der direkten Interaktion mit der Erzieherin oder auch anderen Fachkräften bekommen, die direkte Interaktion bildet den Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit. Dabei ist mir aufgefallen, dass wirklich viel und sehr gezielt gefordert und gefördert wird. Ich hatte den Eindruck, eine praktische Umsetzung behavioristischer Lernprogrammierung kennenzulernen. Das war für mich einerseits sehr interessant, da ich bis dahin Behaviorismus hauptsächlich aus der Theorie kannte und mir so nicht hätte vorstellen können, andererseits aber auch mit vielen kritischen Gedanken verbunden, da ich an der ehs eine kritische Perspektive dazu gelernt und verinnerlicht hatte.
Beeindruckend war für mich, wie brav die Kinder das ganze Programm mitmachten und sich auch meistens ganz wohl damit zu fühlen schienen. Bei genauerem Hinsehen konnte ich an manchen Stellen schon auch erkennen, dass sie natürlich nicht alles toll fanden, aber dass sie das meiste tatsächlich akzeptierten und auch Lernerfolge auf diese Weise erzielten. Ich denke, die gute und sichere Beziehung zur Erzieherin spielt da eine bedeutende Rolle. Die Kinder zeigten immer wieder großes Vertrauen in die Erzieherin und waren in der Lage, eigene Bedürfnisse und Gefühlsäußerungen zurückzuhalten, wenn es von der Erzieherin verlangt wurde. Das Lob und die Anerkennung durch die Erzieherin sowie der Erwachsenen im Allgemeinen schien den Kindern meist genug Motivation zu sein, sich konform zu verhalten. Ich vermute, dass die Kinder stets große Bereitschaft zeigten, Normen zu erfüllen, um als gleichberechtigtes Gruppenglied geachtet zu werden. Die Gruppenzugehörigkeit schien wichtiger als die individuellen Bedürfnisse und Gefühle. Dieses Phänomen war mir sehr fremd, zum einen, da ich in Deutschland in offenen Einrichtungen ohne Gruppenstrukturen gearbeitet hatte, vor allem aber da ich gelernt hatte, dass das Achten der Gefühlsäußerungen und Bedürfnisse jedes einzelnen Kinder eine der wichtigsten Aufgaben der pädagogischen Fachkräfte ist, um das Wohlbefinden aller zu sichern.
Ich wusste theoretisch, dass sich alle ein Stück weit anpassen müssen, wenn man im Gruppenverband arbeitet und trotzdem war ich immer wieder etwas verstört, wie sehr von den Kindern verlangt wurde, sich dem System und den Regeln anzupassen.
Ich schätze, dass ein weiterer Faktor, der dazu beiträgt, dass die Kinder wohlwollend am Programm teilnehmen, die Gewohnheit und die klaren Strukturen sind, die den Kindern Sicherheit und Orientierung geben. Der Rahmen, indem sich die Kinder bewegen dürfen ist genau definiert, die Kinder kennen die Grenzen. Manchmal musste ich an einzelne Kinder in Deutschland denken, denen klaren Strukturen, Grenzen und wahrscheinlich auch engere Beziehungen zu den pädagogischen Fachkräften fehlten, und die manchmal durch aggressives und impulsives Verhalten das Miteinander erschweren.
Ich erkannte, dass eine gewisse Disziplin und Gleichförmigkeit z.B. in Momenten, wie des Zähneputzens sehr sinnvoll sein kann. In anderen Momenten hatte ich allerdings oft den Eindruck, dass die Gleichförmigkeit und enge Grenzen ein großes Hindernis für kreatives Denken und Handeln darstellten. Selbst beim „freien“ Malen orientierten sich die Kinder an den Wünschen der Erzieherin, wie z.B. keine dunklen Farben zu verwenden.
Neben der vielfältigen Intelligenzförderung, sowie allgemein der Schulvorbereitung schien Kreativitätsförderung kaum Raum zu haben.

5. Eigenes Wirken
Meine eigene Tätigkeit und aktive Teilnahme an dem ganzen Geschehen war etwas beschränkt durch verschiedene Faktoren. Zum einen aufgrund meiner anfänglich großen Unsicherheit gegenüber des Systems und seinen Regeln, als auch in der Sprache und Kommunikation mit allen Beteiligten. Auch wenn ich im Alltag und auch in der Uni ziemlich viel verstehen konnte, war es mit dem Verständnis der Kinder ganz anders. Zum einen, weil ihre Aussprache oft etwas undeutlich ist oder sie Wörter benutzten, die ich nicht verstand und auch aus dem Zusammenhang nicht herleiten konnte. Auch andersherum war es für die Kinder schwieriger als für die Erwachsenen mich zu verstehen, wahrscheinlich weil sich manchmal spanische Wörter oder nicht korrekte Grammatikformen einschlichen, die ich selbst nicht bemerkte. Trotzdem ist es uns gelungen auch nonverbal zu kommunizieren und Beziehungen aufzubauen.
Von Anfang an habe ich geholfen, wo ich konnte: z.B. den Raum herzurichten, bevor die Kinder anfangen konnten zu spielen oder sie zu begleiten, wenn es darum ging, dass einzelne Kinder zur Toilette oder etwas holen mussten. Während des freien Spiels spielte ich meist mit ein paar Kindern, oder beobachtete, welche Spiele sie am liebsten spielten und versuchte, ab und zu zum Spiel mit wenig benutztem Material anzuregen, oder Kinder, die nicht spielten, zum Spielen zu ermuntern. Beim Essen half ich zu bedienen und abzuräumen, sowie gegebenenfalls die Kinder zu ermuntern aufzuessen. Manchmal blieb ich mit einzelnen, die noch aßen, oder ging raus mit denen, die schon fertig waren. Später konnte ich, während andere Kinder noch Zähne putzten, schon mit ein paar Kindern in den Gruppenraum gehen und auf den Mittagsschlaf vorbereiten. Dabei musste ich die Kinder immer wieder ermahnen leise zu sein und daran erinnern, die Schuhe auszuziehen und sich hinzulegen, evtl. Streit schlichten und beim Zudecken helfen. Manchmal bekam ich die Gelegenheit ein Buch vorzulesen oder die Gruppe kurz zu beaufsichtigen, während die Erzieherin am Telefon oder anderweitig beschäftigt war. Ab und zu konnte ich der Erzieherin helfen, Material vorzubereiten oder die pädagogische Arbeit per Kamera für die Homepage zu dokumentieren. All diese Aufgaben habe ich gerne gemacht, auch wenn ich, wenn ich die Freiheit dazu gehabt hätte, einiges anders gestaltet hätte, um die Kinder an allen Prozessen teilhaben zu lassen.
Bei der Arbeit an den Tischen unterstützte ich zunehmend die Erzieherin bei der Korrektur der arbeitenden Kindern, sei es sie auf die richtige Stift- oder Sitzhaltung hinzuweisen, das Papier gerade zu rücken, Ergebnisse überprüfen oder Fehler auszuradieren. Dieses Korrigieren war etwas, was ich so noch nie getan hatte und eigentlich auch nicht vorhatte. Es war eine interessante Erfahrung, es doch zu tun und mich somit ein wenig in einer Lehrerrolle auszuprobieren, die in Portugal ganz selbstverständlich zur Erzieherrolle dazugehört.
Da ich sonst eher passiv dabei war, hatte ich einerseits Lust mehr mitzuwirken, andererseits wollte ich aber auch keine zusätzlichen Aktivitäten starten (damit nicht noch mehr Zeit von der freien Spielzeit abging) bzw. fühlte ich mich auch nicht so recht in der Lage, ganze Aktivitäten allein durchzuführen. Als mir aufgetragen wurde, eine Aktivität pro Tag abzuhalten, hatte ich zwar meine Bedenken, wie ich das schaffen sollte, freute ich mich aber auch darauf. Allerdings traten schon bei der Vorbereitung Schwierigkeiten auf, passende Ideen zu finden, die in das System passten, aber auch meinen Vorstellungen entsprachen und die geeigneten Materialien zu organisieren. So musste ich meine Mitstudentinnen um Hilfe bitten, was mir nicht leicht fiel, obwohl sie immer sehr hilfsbereit waren. Ich war auch vorher schon oft auf ihre Hilfe angewiesen und wollte ihnen nicht zur Last fallen. Ich sah, dass auch sie unter Stress standen und sehr viel zu tun hatten. Vielleicht hing es auch damit zusammen, dass ich es gewohnt war, meine Aufgaben selbstständig zu erledigen und nicht abhängig von der Hilfe anderer sein zu müssen. Später ist mir aufgefallen, dass sich die portugiesischen Studentinnen sehr viel gegenseitig halfen und auch von der Hilfe der anderen abhängig waren. Daran wurde mir klar, dass die Portugiesen weniger zur Autonomie erzogen werden, dass sich dadurch aber das Miteinander stärker ausprägt, weniger Individualismus, dafür mehr Gruppenzusammenhalt und Solidarität anzutreffen sind.
Die Durchführung meiner ersten Aktivität gelang ganz gut und ich erhielt ein positives und konstruktives Feedback, welches mich sehr erfreute. Bei der zweiten lief vieles schief, sodass ich im Anschluss ein ebenfalls schwieriges Feedback-Gespräch hatte. Am gleichen Tag wollte die Erzieherin auch meine weiteren Planungen für die nächsten 2 Wochen einsehen. Ich hatte bis dahin ein paar Vorschläge gebracht, von Aktivitäten, die ich mir vorstellen konnte, doch hatte ich keine vollständige Planung vorzuweisen. Auch am nächsten Tag konnten wir uns nicht so recht einigen. Ich fühlte mich sehr unter Druck und sah mich nicht in der Lage, die Erwartungen zu erfüllen.
Als diese Krise überstanden war und ich mit meiner Mentorin vereinbaren konnte, keine Aktivitäten mehr anleiten zu müssen, hatte ich dann doch noch ein paar Mal die Gelegenheit mich in der Anleitung von Aktivitäten auszuprobieren. Diesmal jedoch ohne viel zu planen, da es darum ging, spontan die Erzieherin zu ersetzen, die an einigen Tagen fehlte. Es war interessant mit der 'Auxiliar' zusammenzuarbeiten, da wir zwar sehr unterschiedliche Haltungen hatten, uns aber trotzdem gegenseitig ergänzten und ganz gut zusammenarbeiten konnten.

6. Reflexion über Leistungsstandards
Im Zusammenhang der Erstellung eines Portfolios wurde ich gebeten, mein Praktikum zu reflektieren und mich dabei auf die staatlichen Leistungsstandards für den Beruf der ErzieherIn (Veiga 2010) zu beziehen. In Hinblick auf diese Leistungsstandard kann ich vorweg sagen, dass ich nicht das Profil einer guten Erzieherin aus portugiesischer Sicht erfüllen konnte. Ich war vorrangig damit beschäftigt die portugiesische Erziehungsart kennenzulernen und habe nur minimal Verantwortung für die Gruppe übernommen. Dennoch möchte ich mich im Folgenden etwas genauer mit einigen Kriterien der Leistungsstandards auseinandersetzen.

6.1 Professioneller, sozialer und ethischer Aspekt
Ich bemühe mich sehr, mir professionelle Kenntnisse anzueignen und in der Praxis anzuwenden. Das Problem dabei ist, dass das, was ich in Deutschland gelernt habe, nur sehr begrenzt in Portugal Anwendung findet und die Rahmenbedingungen mir auch nicht die Freiheit geben, all das umzusetzen, was ich gelernt habe. Ich reflektiere meine Arbeit und bin relativ gut über aktuelle bildungspolitische Themen informiert, allerdings fast ausschließlich über Themen, die Deutschland betreffen. Zur portugiesische Bildungspolitik bin ich noch nicht vorgedrungen.
Lernen und Entwicklung umfassend bei allen Kindern zu fördern ist eine große Verantwortung, die ich gerne übernehmen möchte, doch ich bin mir auch bewusst darüber, dass ich allein eine solche umfassende Entwicklung nicht garantieren kann. Die Herstellung sicherer Arbeitsbedingungen, die Gestaltung einer ansprechenden und anspruchsvollen Umgebung, sowie der Wertschätzung der verschiedenen Kenntnisse und Kulturen der Kinder, sind meiner Ansicht nach grundlegend. Ebenso ist mir klar, dass die Zusammenarbeit im Team sehr wichtig ist und des weiteren erkenne ich auch die Bedeutung des Sozialraums in der pädagogischen Praxis.

6.2 Entwicklung der Lehre und des Lernens
Meine wissenschaftlichen Kenntnisse von Pädagogik und Didaktik unterscheiden sich stark von den Kenntnissen meiner portugiesischen Kommilitonen. Ich war daher nicht in der Lage gute Lernaktivitäten nach portugiesischem Schema zu planen und durchzuführen.
Ich wollte zwar gerne dazulernen und bei der Förderung der kognitiven und kreativen Entwicklung mitwirken, doch teilweise fiel es mir schwer die gängige Praxis als richtig und erstrebenswert anzunehmen.
In Bezug auf das Thema der Bewertungen habe ich viel an der Hochschule gelernt und auch in diesem Bereich große Unterschiede zu den Theorien und Praktiken in Deutschland festgestellt.

7. Fazit
Insgesamt bin ich zufrieden mit dem, was ich während dieses Semesters durch meinen Aufenthalt hier über das portugiesische Bildungssystem, die gängige Praxis, als auch die portugiesische Kultur und Mentalität im Allgemeinen erfahren konnte. Auch wenn ich meilenweit davon entfernt bin die portugiesische Erzieherrolle ausüben zu können und zu wollen, habe ich den Eindruck viel dazugelernt und einige neue Erkenntnisse gewonnen zu haben.

 

Quellen:

Gardner, Howard (1999): Intelligenzen. Die Vielfalt des menschlichen Geistes. Stuttgart: Klett-Cotta.
Veiga, Isabel (2010): Padrões de desempenho docente. Ministério da Educação
Wygotski, Lew (1987): Ausgewählte Schriften. Band 2: Arbeiten zur psychischen Entwicklung der Persönlichkeit. Köln: Pahl-Rugenstein

3. Quartalsbericht „What happened in Germany?“ (Martha von der Recke)

 „What happened in Germany?“

oder

Was Erasmus bedeutet und was es mich über meine Heimat gelehrt hat

„What the f* happened in Germany?“, diese Frage tauchte mehrmals auf- „Something must have happened“. Es ist ein indischer Ingenieursstudent, der sie stellt. Er ist in Indien aufgewachsen, war eine Weile in den USA, studiert seit einem Jahr in Portugal und lebt seitdem überwiegend mit Italienern. Durch Reisen, Erasmuskontakte und das Empfangen von Couchsurfern hat er viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten kennengelernt. Er fragt sich, warum es in Deutschland so viele Vegetarier und Veganer gibt, und warum wir uns so ernsthaft über Nachhaltigkeit Gedanken machen und im Gegensatz zu anderen Ländern tatsächlich konsequent danach handeln. „You are brainwashed!“, sagt eine andere italienische Studentin, die sich auch schon länger in Portugal aufhält, und sich eher weniger für Nachhaltigkeit interessiert. Wir hatten mal wieder ein gemeinsames Abendessen geplant und ich hatte vorgeschlagen statt zu Lild bei „Pingo Doce“ einkaufen zu gehen, da es ein portugiesisches Geschäft ist und ich der Ansicht war, es wäre besser den lokalen Markt zu unterstützen, auch wenn Lild billiger wäre.

In solchen Auseinandersetzungen kommen kulturelle Werte und Prägungen zum Ausdruck, die mich dazu gebracht haben mehr über mein Herkunftsland nachzudenken und zu überlegen warum und wie sich Deutsche in ihrer Mentalität und ihrem Verhalten von anderen Menschen unterscheiden. Ich finde es interessant in den Gesprächen und dem Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher Herkunft unterschiedliche Rückmeldungen darüber zu kriegen. Ob ich, bzw. wir als Deutsche oder der Rest der Welt nun „brainwashed“ sind, sei mal dahingestellt.

Mein Auslandsjahr hier in Portugal ist geprägt von allerlei Dingen, die Erasmus-typisch sind. Zentral sind die Begegnungen mit zahlreichen Studenten aus verschieden Ländern. Viele von uns wohnen gemeinsam, kochen und essen oft gemeinsam, man tauscht sich aus, feiert, trinkt, lacht, tanzt, erkundet, studiert, besucht, besichtigt, reist. Man probiert Neues aus, lernt jede Menge neue Dinge und entwickelt sich weiter. Oft ist es verrückt, manchmal wild, unheimlich schön und verbunden mit einem Gefühl von Freiheit.

In mancher Hinsicht erinnert es mich an die Sommerfreizeiten meiner Kindheit: Man verlässt das gewohnte Umfeld für eine begrenzte Zeit, trifft sich an einem anderen Ort mit lauter unbekannten Leuten. Ganz schnell knüpft man Kontakte und schließt Freundschaften. Man ist vereint durch die Erfahrung weit weg von Heimat, von den Freunden und Familie, aber auch Verantwortungen und Verpflichtungen, entfernt von der Routine und dem Trott des Alltags zu sein. Die Leute sind in der Regel offen, da jeder darauf angewiesen das neue Umfeld und neue Leute kennenzulernen. Zusätzlich kommt die internationale und interkulturelle Note hinzu, welche die ganze Sache spannender macht.

Wenn man sich zum ersten Mal trifft, sei es an der Uni, bei Freunden oder Partys, ist es natürlich recht oberflächlich und oft auch leicht Vorurteilsbehaftet. Nach dem üblichen „Hi, my name is... Nice to meet you! Where are you from?“ gibt es dann oft die fortgeschrittenen Eramusstudenten, die ein paar Wörter oder Sätze auf der jeweiligen anderen Sprache zum Besten geben. In der Regel ist dann die nächste Frage, was man denn so macht, bzw. genauer, was man denn studiert. Da sind mir z.B. viele DesignerInnen und ArchitektInnen begegnet, Menschen, die Business, Marketing und BWL studieren, Ingenieure aller Art, eine Pharmazeutin, ein paar Juristen und höchst selten etwas aus dem sozialen Bereich.

„Erziehung? Mit kleinen Kindern-ja schön!“, und wie mir das Studium gefällt. Meistens erzähle ich dann von den Unterschieden zwischen den Erziehungssystemen, die ich hier feststellen kann und von dem, was mir am Anfang sehr fremd war. Das finden viele Leute dann ganz interessant, fangen an über ihre eigene Kindheit oder Ideale von Erziehung zu reden. Für mich ist das wiederum sehr spannend anzuhören um darüber zu diskutieren, und nicht selten endet es darin, dass gemeinsam darüber philosophiert wird.

Es ist mir mehrmals passiert, dass z.B. Portugiesen äußerst überrascht waren, wenn ich von einem Erziehungssystem berichtete, dass im Vorschulbereich auf schulische Aktivitäten verzichtet und den Kindern mehr Freiheit gibt, dass zu spielen, was sie wollen. Ein wenig schockiert war ich, als welche der Ansicht waren, Deutschland müsse das strengere und gleichförmigere Erziehungssystem haben, weil ihr Bild von Deutschland um etwa 80 Jahre veraltet ist. Andere Portugiesen wiederum sind der Ansicht, dass Deutschland „mais p'ra frente“ (- weiter voraus) ist, in diesem Bereich, wie auch in anderen, und fragen dann, warum ich ausgerechnet nach Portugal gekommen bin.

Bei den brasilianischen Studenten, denen ich begegnet bin, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass sie aus ihrem kulturellen Hintergrund heraus, sehr andere Vorstellungen von guter Elementarpädagogik haben. Auch ihnen schien nicht so ganz einzuleuchten, dass ich Belehrungen und verschulte Aktivitäten im Kindergarten nicht sehr angebracht finde.

Hier in Portugal, sowie anscheinend auch in Brasilien oder Frankreich und wahrscheinlich den meisten Ländern der Welt, wird Lernen in sehr engem, ja fast unzertrennbarem Zusammenhang mit Fleiß und Schule gesehen.

An vielen Stellen ist mir bewusst geworden, dass ich mich sehr privilegiert schätzen darf. Abgesehen, von einem Bildungssystem, für das ich selbst oder meiner Eltern vergleichsmäßig sehr wenig Geld zahlen, darf ich tatsächlich das Lernen, was mich interessiert und was ich lernen möchte. Ich bin unheimlich froh, dass in Deutschland und besonders in meinem Umfeld das Wohlbefinden, sowie die intrinsische Motivation als wichtige Faktoren für das Lernen betrachtet werden, und dass ich auch die Zeit und die Gelegenheit habe, Dinge zu lernen, die ich wahrscheinlich in meinem Beruf nicht unbedingt brauchen werde, denn auch wenn ich vermutlich die Kenntnisse der portugiesischen Kultur und Sprache, bei meiner Arbeit mit Kindern in Deutschland kaum einsetzen werde, ist klar, dass ich meinen Horizont erweitern konnte.

Dadurch, dass ich Portugal kennenlerne, lerne ich auch gleichzeitig Dinge über Deutschland, verändere meine Perspektive und lerne einiges mehr zu schätzen. Wie am Anfang bereits beschrieben, wird vieles in Deutschland gründlich durchdacht, diskutiert und erforscht, und schließlich auch angewendet. Dabei lautet die Devise: nicht einheitlich, sondern vielfältig. Kritisches Denken als Grundhaltung ist weit verbreitet, ja geradezu eine Selbstverständlichkeit. Insgesamt sieht Deutschland von hier aus reich und modern aus. Ich merke, dass die Qualität deutscher Produkte und Systeme, sowie den Verlass darauf oft gar nicht so sehr zu verachten sind.

Aus diesen Gründen und der Verbundenheit zu Freunden und Familie, freue ich mich darauf über Weihnachten und dann im März zurückzukehren. Doch bis dahin genieße ich noch den strahlend blauen Himmel, die frischen Orangen, diese wunderschöne Stadt am Wasser, das Erweitern meiner Sprachkenntnisse, die interkulturellen Begegnungen und den Austausch mit Erwachsenen und Kindern.

4. Quartalsbericht "Wissen - Können - Haltung" (Martha von der Recke)

Vierter und letzter Quartalsbericht meines Auslandsaufenthaltes


Das Ende meiner Auslandszeit naht und es ist wieder an der Zeit einen paar Zeilen zu meinen Erfahrungen zu verfassen. In diesem vierten und letzten Quartalsbericht soll es um die drei Dimensionen Wissen, Können und Haltung gehen, welche drei Kategorien darstellen, die während meines Studiums immer wieder besondere Beachtung finden, um persönliches Lernen und Entwickeln auf dem Weg zur Professionalisierung zu reflektieren.

 

Im Bereich des Wissens habe ich während des vergangenen Jahres durch die Veranstaltungen an der Universität und durch die Beobachtungen während des Praktikums gelernt, was in Portugal für wichtig oder zumindest normal erachtet wird.

 

Dazu gehören zum Beispiel praktische Dinge, wie die sogenannte „Mapa das presenças“, welche soweit ich das beurteilen kann, als Selbstverständlichkeit allgemein Anwendung findet. Hierbei geht es um eine, man könnte sagen, partizipative Form der Anwesenheitsüberprüfung. Jedes Kind darf (muss) selbst in der Zeile hinter seinem Namen ein Kreuzchen oder einen Kreis machen, wobei dabei die richtige Koordinate zwischen Namen und Datum gefunden werden muss. Das soll darin üben, Namen und Nummern zu erkennen. Dieser Gedanke wird in vielen Kindergärten fortgesetzt, bei dem Beschriften der Arbeitsblätter und Werken der Kinder. In der Regel sollen die Kinder ihren Namen von einem Kärtchen oder Namensschildchen und das Datum von der Tafel abschreiben. Es wird dabei von den Kindern erwartet, dass sie in einer angemessenen Größe schreiben. Je nach Alter wird mehr oder weniger streng korrigiert, sprich, es wird oft ausradiert bis die Erzieherin zufrieden ist. Zum Teil verlangen auch die Kinder selbst nach Korrektur.

 

Zu dem Bereich der Sprachförderung gehört auch das tägliche Aufsagen von Sprüchen, Reimen und gelegentlich auch Gedichten. In der Regel gibt es auch täglich eine Geschichte, der alle zuhören müssen, welches meist durch Befragungen hinterher überprüft wird.

 

Mit ähnlicher Systematik werden auch die anderen Bildungsbereiche abgearbeitet und überprüft. Als Leitfaden werden dazu die „Metas de aprendizagem“ (Lernziele; ein Katalog an Kompetenzen, die bis Ende des Kindergartens erreicht werden soll) herangezogen. Dabei ist zu beachten, dass die Einteilung der Bildungsbereiche in der portugiesischen Literatur ein wenig anders als z.B. in Sachsen erfolgt: Der soziale und mathematische Bildungsbereich sind wiederzufinden unter den Titeln „Formação Pessoal e Social“ (Persönliche und soziale Bildung) sowie „Matemática“. Der naturwissenschaftliche Bereich lässt sich mit dem Bereich „Conhecimento do Mundo“ (Weltwissen/ Allgemeinwissen) vergleichen. Unter dem Titel der „Expressão e Comunicação“ (Ausdruck und Kommunikation) sind zum einen die „Linguagem Oral e Abordagem da escrita“ (gesprochene Sprache und Initiierung der Schriftsprache), zum anderen die „Expressões“ (Ausdrucksformen) sowie die bereits genannte Mathematik enthalten. Wenn man diesen Bereich mit seinen Untergliederungen betrachtet, kann man zum einen die Kommunikative Bildung wiederfinden, zum anderen werden die ästhetische und somatische Bildung in den sogenannten Ausdrucksformen angeschnitten. Die Ausdrucksformen nehmen vor allem ästhetische Aspekte, wie Musik, Tanz, Theater und plastische Kunst in den Blick. Die somatischen Aspekte werden in den „Orientações curriculares“ (portugiesischer Bildungsplan für den Elementarbereich) sehr viel weniger ausführlich als z.B. im sächsischen Bildungsplan behandelt. Zusätzlich gibt es noch einen weiteren Bereich, welcher unter dem Namen „Tecnologias de Informação e Communicação“ (Informations- und Kommunikationstechnologien) bekannt ist. Dabei geht es um eine Einführung in den Umgang mit Kommunikationsmedien.

 

So konnte ich im Bildungsplan, sowie in der Pädagogikliteratur welche an der Universität in Portugal behandelt wird, immer wieder leichte bis große Unterschiede zu den mir bekannten Texten und Inhalten festzustellen, welche konsequenterweise zu bedeutsamen Unterschieden in der Praxis führen.

 

So sind im Bereich des Könnens ebenfalls andere Kompetenzen nötig, um der portugiesischen ErzieherInnenrolle gerecht zu werden. Hier ist es wichtig als ErzieherIn Kompetenzen aufzuweisen, die auch der Lehrerrolle zugeordnet werden könnten. Es geht darum, Kinder dazu zu veranlagen sich entsprechend dem Lehrprogramm zu verhalten und Aufgaben zu erfüllen, Phänomene, Geschichten und Aufgaben zu erklären und schließlich die entsprechenden Ergebnisse und Lernfortschritte zu prüfen. Die direkte Interaktion mit der Gesamtgruppe spielt eine sehr zentrale Rolle. Da meine bisherigen Praxiserfahrungen sich auf offene Arbeit mit einer Perspektive der Selbstbildung konzentrierten, hatte ich so gut wie keine Übung darin, gemeinsame Aktivitäten zu leiten und zu steuern. Da mir das außerdem aufgrund der sprachlichen Schwierigkeit sehr ungünstig erschien, wurde mit der Erzieherin meines zweiten Praktikums vereinbart, dass ich mich auf die Unterstützung der Erzieherin, bzw. einer anderen Praktikantin beschränken würde. Für die zweite Halbzeit war ich in einem anderen Kindergarten platziert worden, in einem ganz anderen Milieu, in einer Gruppe mit elf Kindern mehr (insgesamt 25), wovon wiederum viele Lernschwierigkeiten aufwiesen. Hier durfte ich regelmäßig das Ausfüllen der bereits erwähnten „mapa das presenças“ beaufsichtigen, versuchen die Kinder ruhig zu halten bis die gemeinsame Aktivitäten begannen, dem gemeinsamen Morgenkreis assistieren und schließlich einen Teil der Gruppe, sprich eine Tischgruppe von 6-10 Kindern bei den vorgesehenen Aktivitäten (meist Bastelarbeiten) begleiten, ihnen helfen den Prozess zu strukturieren und ihnen unter anderem beim Schreiben zur Seite zu stehen, bzw. auch zu korrigieren, was den Anforderungen nicht entsprach. Nach der Unterstützung beim Frühstück bestand meine Aufgabe entweder in der Aktualisierung der Wanddokumentation oder der Betreuung der Kinder auf dem Hof. Sehr oft gab es hier, wie aber auch im restlichen Tagesverlauf, Streit zwischen den Kindern, den es zu lösen galt – gelegentlich auch Rangeleien, die beendet werden mussten. Nach Toilette und Händewaschen ging es beim Mittagessen darum, die Kinder nicht nur dazu zu bringen etwas (auf) zu essen, sondern auch zu verhindern, dass Serviettenschnipsel oder Nahrungsmittel durch den Speisesaal geworfen wurden oder ähnliches. Weiterhin gab es keinen Mittagsschlaf, auch nicht für die Jüngsten. Dem Mittagessen folgte eine weitere freie Spielzeit auf dem Hof.

 

Immer wieder gab es Dinge, die ich persönlich und aus einer reformpädagogischen Perspektive nicht für besonders gut oder richtig halte, an denen ich aber kaum etwas ausrichten konnte, sodass ich gegenüber dieser Ambiguität Toleranz entwickeln musste. Auch in Sachen Beziehungsarbeit (ein belastbares Arbeits- und Vertrauensverhältnis herstellen) denke ich, dass ich durch dieses Praktikum oder genauer gesagt, durch all diese Kinder, hinzulernen konnte.

 

Was das Thema Haltung angeht, sind mir weiterhin große Unterschiede in der Ausbildung als auch in der Praxis aufgefallen. Was ich in Deutschland über die pädagogische Grundhaltung gelernt hatte, und all die Dinge, die wir dazu immer wieder besprochen haben, konnte ich hier kaum wiederfinden. An der Universität wurde die Frage nach der Haltung kaum thematisiert. Es erweckt ein wenig den Anschein, als wäre diese Frage knapp damit beantwortet, dass die pädagogischen Fachkraft Autorität verkörpern muss. Sie leitet das gesamte Geschehen, vermittelt das Wissen an die Kinder und beantwortet ihre Fragen, erzieht zu sittlichem Verhalten und kontrolliert die Entwicklung der Kinder. Die Struktur der Einrichtung, die Regeln und Werte übermittelt sie den Kindern und die Kinder müssen sich dem anpassen. Ein ganz klares hierarchisches Gefälle ist festzustellen, welches die Haltung der pädagogischen Fachkräfte prägt.

 

Während des Studiums begegnete mir an zwei Stellen das Thema Reflexion: Zum einen als kontinuierliche Begleitaufgabe zum Praktikum, bei der die portugiesischen Studentinnen täglich sämtliche Aktivitäten und Geschehnisse reflektieren sollten und zum anderen in einer Vorlesung, wo der Professor Reflexion als fokussiertes Nachdenken über ein bestimmtes Thema definierte, welches stets gepaart sein sollte mit Flexibilität in den Annahmen und Haltung. Es erweckte bei mir ein wenig den Eindruck, dass erstes wenig mit zweitem zu tun hatte, da dafür Zeit und eben die Haltung fehlte.

 

Was mich selbst betrifft, versuchte ich meine Haltung zu wahren und mich dennoch so gut es ging, dem vorgefundenen System anzupassen, um daran teilhaben zu können. Ich versuchte gegenüber den Kindern und den Strukturen stets offen und flexibel zu sein, suchte neben Belehrung und Anleitung auch den Dialog mit den Kindern und trat ihnen wertschätzend gegenüber, soweit es meine Kontrollfunktion erlaubte.

 

Insgesamt war dieses zweites Praktikum trotz der Differenzen zu meinen Vorstellungen zu guter Pädagogik angenehm und zum Teil auch wegen den Differenzen besonders interessant und spannend. Ich blicke zurück auf eine schöne und bereichernde Erfahrung und lasse nur ungern die lieb gewonnenen Kinder zurück.