Niederlande 10/11

Im Wintersemester 2010/11 verbrachte ich im Rahmen des ERASMUS-Programms sechs grandiose Monate an einer unserer Partnerhochschulen, der Hogeschool van Amsterdam.

Weil ich meine niederländischen Sprachkenntnisse – während eines Freiwilligendienstes erlernt – um einen akademischen Wortschatz erweitern wollte, studierte ich in dieser Zeit mit niederländischen Kommilitonen und nicht, wie eigentlich üblich, im International Classroom für alle internationalen Studierenden.

Studium

Dadurch kam es im Laufe des Studiums zu verschiedenen organisatorischen Schwierigkeiten. So war ich als Austauschstudentin zum Beispiel nicht im Computersystem der Hochschule für Wahlfächer und Prüfungsleistungen registriert. Mit verschiedenen Einschreibungen zur Teilnahme an Kursen und Prüfungen gab es daher Probleme, was viel Vermittlungsarbeit zwischen verschiedenen Ämtern und den betroffenen Dozent_innen für mich bedeutete. Glücklicherweise kehrte ich trotz allem am Ende der zwei Quartale dank der engagierten Unterstützung durch das Amsterdamer International Office mit einem vollständigen Record Sheet zurück. Alle Prüfungsleistungen wurden nach meiner Rückkehr anerkannt, sodass der Auslandsaufenthalt entgegen weitverbreiteter Befürchtungen nicht zu einer Verzögerung meines Studiums führte.

Was die Form Lehre in den Niederlanden betrifft, war ich sehr überrascht. Ich wusste im Vorhinein, dass die niederländische Institution „Hogeschool“ noch praxisbezogener arbeitet als die deutsche Hochschule. Dass jedoch theoretisches Grundlagenwissen, wissenschaftliches Arbeiten und die Diskussion sozialwissenschaftlicher Theorien so weit hinter praktisch-methodischen Übungen zurücktreten würden, hatte ich nicht erwartet. Die theoretische Basis, die ich mir für die Aneignung von methodischem Können gewünscht hätte, wurde in weitaus geringerem Maße gelegt als ich es von der EHS gewöhnt war und bin. Von einem Schweizer Dozenten, der meine Wahrnehmung in diesem Punkt gut nachvollziehen konnte und auch bestätigte, bekam ich daraufhin umfängliche Anregung und Unterstützungsangebote, was weiterführende und vertiefende Lektüre betraf.

Bemerkenswert fand ich auch die Organisation der Studierenden in festen Klassenverbänden, denen auch ein „Klassenlehrer“ zugeordnet war. Außerhalb meiner „Klasse“ hatte ich kaum Kontakte zu anderen Studierenden des gleichen Jahrgangs, da die Lehre sich überwiegend im seminaristischen Klassenverband vollzog und weniger im Rahmen von Vorlesungen. Dies unterstützte meinen Eindruck von einem sehr verschulten System, das den Student_innen kaum Fähigkeiten wie Selbstorganisation, Selbstdisziplin und Eigenständigkeit abverlangt, dagegen jedoch ungewohnt viel Fleißarbeit: Büffelei und Hausaufgaben, die fast täglich eingesammelt und geprüft wurden. Am besten drückt sich das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden und die gegenseitige Anerkennung vielleicht in der Anrede einer E-Mail aus, die meine Klassenkameraden und ich einmal von unserem Klassenlehrer erhielten: „Mijn lieve kinderen…“ („Meine lieben Kinder…“) stand dort geschrieben und brachte für mich damit zugleich die herrschende Vertrautheit einerseits und die Unmöglichkeit eines Lernens auf gleicher Augenhöhe andererseits zum Ausdruck.

Übrigens: Auch in den Niederlanden ist Geld im Bildungssektor knapp. Dazu ein Bilderrätsel: Erkennt ihr das Shirt auf dem Foto wieder?



Leider verhinderte die Demonstration, auf die wir uns in der abgebildeten Situation gerade vorbereiten, nicht, dass im letzten Jahr zusätzlich zu den ohnehin hohen Studiengebühren unter anderem weitere Gebühren für Langzeitstudenten beschlossen wurden.

Praktikum

Zu Beginn des Semesters schien es, als könnte ich mit dem regulären Stundenplan nicht genügend Credits erzielen, um mir das Semester vollständig anrechnen zu lassen. Dem war nicht so, wie sich herausstellte, aber ich begann jedenfalls ein zusätzliches Praktikum und arbeitete anderthalb Tage in der Woche in einer niedrigschwelligen Einrichtung für wohnungslose und drogenabhängige Migranten. Die Arbeit in der Teestube (die wirklich mit diesem deutschen Begriff bezeichnet war) und im „gebruikersruimte“, einem Raum, in dem Heroin, Kokain und weitere Substanzen unter hygienischen Umständen konsumiert werden konnten, brachten mich gleich mit drei für mich neuen Themenfeldern in Kontakt: 1. mit Wohnungslosigkeit, 2. mit Drogenabhängigkeit und die Drogenpolitik in den Niederlanden und 3. mit der massenhaften Migration osteuropäischer Arbeitsuchender ins westliche Europa der letzten Jahre. Diese Themen bewegten mich sehr und hatten glücklicherweise viel Raum in regelmäßig stattfindenen, hervorragenden Supervisionsstunden: Da ich die einzige meines Jahrgangs war, die ein Praktikum leistete, erhielt ich luxuriöserweise eine regelmäßig eine Einzelsupervision von einer Dozentin der Hochschule. Von der methodischen Kompetenz und den supervisorischen Fähigkeiten dieser Dozentin war ich jedes Mal von Neuem aufs Tiefste beeindruckt und hätte nicht selten am liebsten meine Rolle der Supervisandin verlassen, um mehr von der Kunst des „supervisens“ zu erlernen.

Die Arbeit in der Teestube hat mir übrigens zum Thema meiner Bachelorarbeit verholfen. Seit einigen Wochen bin ich in Gedanken oft in Amsterdam, während ich untersuche, wie die Stadtmission Hamburg mit polnischen Organisationen zusammenarbeitet, um einen Umgang mit den hunderttausenden polnischen, rumänischen und bulgarischen Wohnungslosen in den Straßen Hamburgs zu finden.

Unterkunft

Zusammen mit der Studienplatzbestätigung der Gasthochschule bekam ich die Möglichkeit, mich für ein Zimmer in einem privaten Studentenwohnheim anzumelden. Dieses Wohnheim richtet sein Angebot ausschließlich an Austauschstudenten, sodass ich meine WG mit einem Inder und einem Spanier und mein Zimmer mit einer Chinesin teilte. Wir wohnten in einem wunderschönen historischen Gebäude mit einer Terasse direkt an einer Gracht im Zentrum, an der wir viele Stunden verbrachten - in der Sonne lernend, Booten zuwinkend, badend im November, oder einen Schneemann bauend im Januar.



Nicht in jedem Erdteil ist Schnee eine Selbstverständlichkeit… Nach dem Sprung in die stinkende Grachtenbrühe im November

Alltag und Freizeit

Der für mich wertvollste Service der Hochschule war die Anmeldung zur Einführungswoche des International Student Networks (ISN) Amsterdam vor Semesterbeginn. Diese Woche half nicht nur, sich in der Stadt und allen möglichen studentischen Angeboten zu orientieren, sondern ermöglichte vor allem das nähere Kennenlernen vieler ERASMUS-Studenten. Ich knüpfte in diesen Tagen Kontakte, die über das gesamte Semester meine engsten bleiben und vertrautesten werden sollten. Da ich, wie oben erwähnt, mit Niederländern studierte, war die Mitgliedschaft im ISN eine wichtige Voraussetzung, um dennoch den europäischen Geist von ERASMUS erleben zu können. ISN beschränkte sein Wirkungsfeld nicht nur auf die Einführungswoche, sondern organisierte über das gesamte Semester hinweg regelmäßig Exkursionen zu Sehenswürdigkeiten, in andere Städte, sowie zahlreiche Just-for-Fun-Aktivitäten. Für mich war allerdings vor allem die Einführungswoche von Bedeutung. Während des Semesters nahm ich nur noch gelegentlich an den immer überlaufenen Massenveranstaltungen teil. Stattdessen reiste ich an den Wochenenden lieber auf eigene Faust mit Freunden (ebenfalls ERASMUS-Studenten) durchs Land und auch über die Landesgrenzen hinaus.



Mit Freunden aus Dänemark, Ungarn und dem Baskenland am Atomium in Brüssel

Weiterhin nutzte ich die Gelegenheit, „alte“ niederländische Freunde wieder regelmäßig zu sehen. Auch bekam ich viel Besuch von deutschen Freunden, Bekannten, Eltern und Geschwistern und traf mich gern mit Kommilitonen. Im Allgemeinen kann ich jedoch sagen, dass ich den Großteil meiner knapp bemessenen Freizeit nicht mit meinen niederländischen Kommilitonen, sondern mit einer Gruppe von ERASMUS-Studenten sehr unterschiedlicher Herkunft verbrachte und genoss.

Dies ist wohl vor allem auf Sympathien zurückzuführen, zum anderen ging aber durch die unterschiedlichen kulturellen Prägungen meiner ERASMUS-Freunde gerade von ihnen eine große Faszination für mich aus, während mir die niederländische Kultur bereits vertraut war. Die weitaus meisten Lernmomente meines letzten halben Jahres spielten sich im Zusammensein mit Freunden aus dem spanischen Baskenland, Ungarn, Polen, England und Dänemark ab. Mehr als mein akademisches Wissen hat sich mein Horizont erweitert, sowie mein Interesse an und meine Einsicht in die Verhältnisse verschiedener europäischer Länder sowie Europa im Allgemeinen.

Was den Alltag betrifft, fiel mir auf, dass ich mehr Zeit in das Studium investierte, als ich es aus Dresden gewöhnt war. Zeit für Hobbys wie Klavierunterricht, Chor und Sport fand ich leider nicht. Kulturelle Aktivitäten und größere Unternehmungen sowieso waren auf das Wochenende und meistens auf nur einen Tag beschränkt.

Fazit

Die wunderbarste und am meisten prägende Erfahrung des Semesters war der intensive Austausch mit Freunden, Bekannten und Kommilitonen der unterschiedlichsten Nationen. Dieses Erlebnis konnte auch nicht durch mein gelegentliches Bedauern bezüglich der ungewohnt vorstrukturierten und praxisorientierten Lehrform der Hogeschool getrübt werden. Im Gegenteil - in meiner Wahrnehmung ist Europa in den letzten Monaten immer enger zusammengerückt, sowohl in geografischer und politischer, als auch vor allem in emotionaler Hinsicht. Im Rückblick freue ich mich sehr festzustellen, dass ich anderthalb Jahre nach meiner Rückkehr immer noch in engem Kontakt zu meinen Leuten stehe, viele in ihrer Heimat besucht habe auch und wohl auch in den nächsten Jahren nie um Reiseziele verlegen sein werde.