Schottland 2012

Mein zweiter Aufenthalt in Schottland war durch meine neuen Erfahrungen im sozialen Bereich geprägt. Meine Kurse an der Strathclyde University of Glasgow habe ich mir so gelegt, dass ich auch etwas Freizeit unter der Woche habe, um mich bei verschiedenen Vereinen und Initiativen zu engagieren. Ich habe vorallem Ausschau nach Migration-, Kunst-, Behinderten- und politischen Projekten gehalten. Anfangs wollte ich an meiner Fakultät Community Education einen Workshop zu den „Jeux Dramatiques“ anbieten. Das ist eine  Methode aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts und sie stellt eine Mischung von Forumtheater, Ausdruckstanz und Improvisationsspiel dar. Der Kurs kam nicht zustande, da ich leider keinen Kontakt zur Kunstabteilung von der Uni aufbauen konnte, obwohl ich Unterstützung von meinen Tutorinnen bekommen hatte. Danach habe ich versucht, unterschiedliche Initiativen und Gruppen an der Universität kennenzulernen. Jede große Uni in Großbritannien verfügt über eine so genannte „Union“. Das ist eine studentische Vereinigung, die sich dem deutschen STURA ähnelt. Meine Union befindet sich in einem 10-stockigem Haus im Stadtzentrum, das nur für Studierende gedacht ist. In dem Union-Gebäude treffen sich  studentische Initiativen verschiedener Art. Angefangen von Tierschutz und Menschenrechten bis zu Sport- und Party-Gruppen. Union ist auch ein Ort, wo man sich beraten lassen kann und  selber eine Initiative starten kann. Ich habe mich dort bei einer LGBT Gruppe für Schwulen- und Lesbenrechte engagiert. Wir haben uns einmal in der Woche getroffen und Veranstaltungen jeglicher Art durchgeführt. Die LGBT-Gruppe von Strathclyde University war auch in erster Linie eine Anlaufstelle für neu ankommende Studierende aus dem Ausland, die sich gerne über die Community in Glasgow informieren möchten. Dazu haben wir uns politisch für die Durchsetzung von Gleichberechtigung der Homo-Ehe und der Adoptionsrechte von schwulen und lesbischen Familien eingesetzt. 

Da mir die Arbeit bei der Union zu wenig gewesen ist, wollte ich meine eigenen Projekte verwirklichen. Seit September 2011 habe ich mich als Performance Künstler etabliert. In meiner Arbeit setzte ich mich mit aktuellen sozialen und politischen Themen auseinander. Im Februar 2012 gelang es mir, ein Projekt zum Thema Drogenkonsum „No Sex, no Drugs, no Rock&Roll“ durchzuführen. Es fand an der Glasgow University statt, wo ich 8 Stunden lang ohne Pause und ohne etwas zu trinken und etwas zu essen zu Elektro-Musik getanzt habe. Damit wollte ich ein Zeichen dafür setzen, dass man bei einer Party ohne Drogen und anderen Mittel Spaß haben kann. Die Performance wurde sehr gut von den Studierenden angenommen und ich habe Unterstützung von meinen Kommilitonen und Freunden bekommen.

Das soziale Engagement spielt eine große Rolle in der Integration in einem neuen Umfeld. Durch Mitarbeit in einer Organisation lernt man neue Leute kennen, knüpft Kontakte zu den Einheimischen und hat Anteil an der Gemeinschaft. Ich lege es jedem ans Herz, sich Auskünfte über die Möglichkeiten zum Engagement einzuholen. Den ersten Schritt kann man im Internet machen, wo man sich über vorhandene Projekte informiert. In Glasgow gibt es ein sehr großes Voluntary Center. Das ist Zentrum mit einer großen Datenbank von verschiedenen Organisationen in Glasgow und sogar landesweit. Die Mitarbeiter dort sind sehr offen und sie freuen sich über jede Bewerbung. Allerdings bin ich immer wieder auf ein Problem gestoßen, dass sie eher nach ausgebildeten und gut qualifizierten Freiwilligen gesucht haben. Meine Bewerbung habe ich an ganz viele Stellen geschickt und es kamen oft Absagen, ich sei nicht genug ausgebildet oder hätte keine Leistungen erbringen können. Dazu muss ich sagen, dass mein kurzer Aufenthalt von 3 Monaten natürlich auch eine Rolle gespielt hat. Manche Projekte haben nach langfristiger Zusammenarbeit gesucht und wollten Freiwillige über längere Zeit haben.

Diese Erfahrung ist sehr bedrückend gewesen, aber man sollte den Kopf behalten. In Glasgow gibt es genug informelle, antifaschistische und anarchistische Bewegungen. Sie organisieren Demonstrationen, Diskussionen, Kundgebungen etc. Bei einigen Demonstrationen habe ich sehr nette Menschen kennen gelernt, die mir von der Situation des Antifaschismus und Anarchismus in Glasgow und in Großbritannien erzählt haben. Spannend ist auch die Erfahrung gewesen, dass es in Großbritannien viele Pro-Palästina-Gruppen gibt, die sich für Freilassung von palästinensischen Gefangen engagieren. Da ich schon mit Antifaschisten in Dresden gearbeitet habe, wusste ich, wie mit der Problematik in Deutschland umgegangen wird. Und zwar wird in Deutschland eher die Pro- Israelische-Seite vertreten. Dieser Unterschied fiel mir sofort auf und ich fand es sehr spannend, mich damit auseinander zu setzen.

Mein Engagement hat mir sehr viel geholfen, das soziale System und die gesellschaftlichen Strukturen näher kennen zu lernen. Dadurch habe ich meine Leute gefunden und mich weiter entwickeln können.